Der Gig ist in drei Wochen, ihr habt neunzig Minuten zu füllen, und die Frage „Was spielen wir eigentlich in welcher Reihenfolge?" hängt seit zwei Proben unbeantwortet im Raum. Wenn ihr es endlich angeht, wird daraus meistens ein zäher Abend: Jeder will seinen Lieblingssong drin haben, keiner weiß genau, wie lang das Set am Ende wird, und irgendwann spielt ihr aus Frust einfach das von letztem Jahr.
Es geht auch anders. Eine Setlist ist kein Bauchgefühl-Kunstwerk, sondern eine Handvoll klarer Entscheidungen — wenn man sie in der richtigen Reihenfolge trifft.
Schritt 1: Erst den Pool, dann die Reihenfolge
Der häufigste Fehler: sofort über die Reihenfolge zu streiten. Fangt stattdessen mit dem Vorrat an. Welche Songs sind auftrittsreif — nicht „könnte man mal", sondern sitzt? Diese Liste ist euer Pool. Alles andere ist für heute raus.
Wenn ihr im Repertoire pro Song einen Status pflegt (in Arbeit, spielbereit, Archiv), ist dieser Schritt in dreißig Sekunden erledigt: Ihr filtert auf „spielbereit" und habt den Pool.
Schritt 2: Länge vor Schönheit
Bevor irgendjemand über Dramaturgie redet, klärt die Mathematik. Neunzig Minuten minus Ansagen, minus Pause, minus Puffer — bleiben vielleicht 75 Minuten Musik. Bei durchschnittlich vier Minuten pro Song sind das rund achtzehn bis neunzehn Songs. Nicht dreißig.
Diese Zahl entspannt die ganze Diskussion. Denn plötzlich geht es nicht mehr um „welcher Song ist gut", sondern um „welche achtzehn". Das ist eine viel konkretere Frage — und sie verhindert, dass ihr eine Setlist baut, die zwei Stunden lang wäre.
Wir hatten nie ein Song-Problem. Wir hatten ein Zeit-Problem, das wie ein Song-Problem aussah.
Schritt 3: Abstimmen, bevor ihr zusammensitzt
Der Diskussionsmarathon entsteht, weil fünf Meinungen zum ersten Mal live aufeinandertreffen. Nehmt der Live-Runde die Schärfe, indem die Meinungen vorher schon da sind. Wenn jede Person die Kandidaten-Songs im Vorfeld bewertet hat, seht ihr auf einen Blick, wo Einigkeit herrscht und wo es Reibung gibt.
Die zwölf Songs, die alle mögen, sind gesetzt — darüber muss man nicht reden. Die Zeit spart ihr euch für die drei, vier Grenzfälle, bei denen es sich wirklich lohnt zu diskutieren. Demokratische Songauswahl heißt nicht endlose Debatte. Es heißt, nur noch das zu besprechen, was strittig ist.
Schritt 4: Die Dramaturgie in drei Blöcken denken
Jetzt erst die Reihenfolge — und auch die ist einfacher, als sie wirkt. Denkt in drei groben Blöcken statt in achtzehn Einzelentscheidungen:
- Anfang: zwei, drei Nummern, die sofort ziehen. Kein Risiko, kein Geheimtipp.
- Mitte: hier dürfen die ruhigeren, die neuen, die eigenwilligen Songs stehen. Baut ein, zwei Spannungsbögen.
- Ende: die stärksten zwei, drei Songs plus das, was ihr als Zugabe kennt.
Innerhalb der Blöcke achtet nur noch auf zwei Dinge: dass nicht drei Balladen hintereinander kommen und dass Tonart- oder Instrumentenwechsel spielbar sind. Fertig ist die Grundstruktur.
Schritt 5: Pausen und Spielzeit sichtbar machen
Eine Setlist ohne eingerechnete Pause ist eine Wunschliste. Setzt die Pause an die richtige Stelle (meist nach etwa der Hälfte) und lasst euch die Gesamtdauer ausrechnen, statt sie zu schätzen. Wenn ihr über der Zielzeit liegt, fliegt hinten der schwächste Grenzfall raus — die Entscheidung habt ihr in Schritt 3 eh schon vorbereitet.
Warum das mehr ist als Zeitersparnis
Fünfzehn Minuten statt eines halben Probenabends — das ist der offensichtliche Gewinn. Der eigentliche ist ein anderer: Ihr habt die Setlist gebaut, ohne dass jemand als Buhmann dasteht, weil sein Lieblingssong rausflog. Die Entscheidung ist nicht das Ergebnis der lautesten Stimme im Raum, sondern einer nachvollziehbaren Abstimmung. Das nimmt Diskussionen die persönliche Note — und lässt euch die gewonnene Zeit dort investieren, wo sie hingehört: ins Spielen.
Und wenn der Gig dann kommt, liegt der Ablauf fest, jeder weiß, was drankommt, und niemand fragt zwischen zwei Songs panisch „Was war nochmal der nächste?".